1.2.07

Vor einiger Zeit ist mir ein Artikel untergekommen, in dem es darum ging, wie unser Erinnerungsvermögen funktioniert. Grober Inhalt: unser Hirn ist keine digitale Festplatte, sondern ziemlich ungenau – ich weiß, nichts neues. Merkt man ja schon, wenn man im Supermarkt versucht, sich zu erinnern was man eigentlich alles besorgen wollte. Allerdings konnten Wissenschaftler nachweisen, dass Erinnerungen sich jedes mal, wenn wir sie abrufen, verändern.
Ich hab die Story quer gelesen und mir gedacht: klar, passt gut in meine Philosophie. Nicht nur, dass wir alle die Welt unterschiedlich wahrnehmen, sind unsere Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes verfälscht. Wenn du und ich also über unsere Begegnung letztes Jahr sprechen, sprechen wir beide über komplett unterschiedliche Erfahrungen. So gesehen sind wir ziemlich allein auf der Welt. Naja, zumindest in unserer eigenen Welt.
Der Punkt ist: die Schnittpunkte zwischen deiner und meiner Welt sind ziemlich verschwommen.
Das ist ja nun nicht geeignet, mich furchtbar aus der Bahn zu werfen. Nur ein weiterer Baustein, um meine Weltanschauung zu argumentieren und zu illustrieren (dazu irgendwann mal mehr).
Und trotzdem bin ich neulich mitten in der Nacht aufgewacht – wahrscheinlich hab ich davor irgend etwas sehr schräges geträumt. Und mir fiel dieser Artikel wieder ein. Und plötzlich schoss mir durch den Kopf: was, wenn die schönen Momente, diese identitätsstiftenden Erfahrungen, die große Liebe, die Erfolge und der ganze Kram, so nie passiert sind? Ist das alles nicht echt?
Komisch, was der Kopf uns für Streiche spielt. Komisch, dass mich gerade dieser Punkt so beschäftigt hat. Vielleicht weil es nicht nur die Welt um uns herum in Frage stellt, sondern meine eigene Persönlichkeit relativiert.

3 Comments:

Anonymous Anonym said...

Ich denke wir verändern die Erinnerungen passend zu unserer Lebensschablone und unseren neuen Erfahrungen, da wir sie ja dazu benutzen uns in der Welt zurechtzufinden und ihre Interpretation durch uns daher mit unserer Sicht/Interpretationd der Welt zusammenpassen muss, wenn der Apparat Bewusstsein konfliktfrei funktionieren soll. Soll heißen die Erinnerungen verändern sich persönlichkeitskonform und somit stellt ihre Veränderung nicht mehr eine Relativierung der Persönlichkeit da als die Veränderung der Persönlichkeit durch neue Erfahrungen.

11:21:00 PM  
Blogger Bender said...

Was, wenn es umgekehrt ist? Wenn die Änderung unserer Erinnerungen willkürlich ist und unsere Persönlichkeitsentwicklung damit noch mehr ein Resultat zufälliger Neuronenfeuerwerke?
Die Persönlichkeit ändert sich parallel zu Erinnerungen, jedoch ohne Steuerung oder logischen Filter. Und das Großhirn schwimmt nur auf der Oberfläche unseres Wahnsinns.
Und: wer bist du eigentlich?

10:15:00 PM  
Anonymous Anonym said...

Nun eine willkürliche Veränderung unserer Erinnerungen würde effektives Lernen und ich stelle da mal salopp Persönlichkeitsentwicklung darunter behindern, wenn nicht sogar verhindern. Dabei ist natürlich der angenommene Umfang der zufälligen Veränderungen zu klären. In geringem Maße würde es wohl, im Allgemeinen, nicht viel ausmachen und zur normalen Toleranz natürlicher Systeme gehören. Wobei in diesem Falle größere Auswirkungen statistisch nicht auszuschließen sind, so wie auffällige Mutationen. In unserer DNS passiert dauernd irgendein "Gmurks" nur hat das in so gut wie allen Fällen keine, zumindest keine nennenswerten Auswirkungen. Manchmal allerdings kommt dann so etwas raus wie die vierbeinige Ente die letztens durch die Medien kursiert ist. Die Sache ist die, wäre geistige Entwicklung mit einem derartigen Ausmaß an Zufälligkeit in den neuronalen Prozessen möglich? Schon klar, Erinnerung ist ein verdammt komplexer Vorgang und zwischen Rezeption und Speicherung passiert eine Menge, so dass das was abgelegt wird schon mal gehörig verfälscht ist (so gesehen ist dein Kommentar, dass wir alle Dinge sehr unterschiedlich in Erinnerung behalten sicher korrekt) Nur sind diese Verfälschungen das Produkt zufälliger Gehirnfunktionen? Mal angenommen es wäre so und ein Lebewesen würde ein für sein Überleben entscheidendes Ereignis vollkommen falsch abspeichern... Es würde daraus nichts lernen und könnte in einer ähnlichen Situation nur per Zufall richtig reagieren. Konsequenz, seine Überlebenschancen sinken drastisch. Nach Darwin ist daher eine gewisse Verlässlichkeit der Erinnerungsverwaltung notwendig und zwar eine um so verlässlichere/redundantere um so komplexer das System. Zugegeben, nun lässt sich streiten ob die Komplexität des Menschlichen Gehirns (Geistes um nicht als Materialist zu erscheinen) überhaupt noch in den gewöhnlichen Rahmen biologischer Systeme fällt und in wie weit die "Überlegenheit" des menschlichen Geistes ein "auf die Spitze treiben" der natürlichen, das Überleben sichernden Eigenschaften wie Neugierde, oder mehr ist. Aber auch hier würde ich meinen, dass Abstraktion vom Einfachen auf das Komplexe durchaus sinnvoll ist. Du hast geschrieben "noch mehr ein Resultat zufälliger Neuronenfeuerwerke" In wie weit siehst du Persönlichkeit als Zufallsresultat an? Ich glaube ein Problem bei der Festlegung einer Zufälligkeit ist, dass so viele Prozesse unterbewusst bzw. unerkannt ablaufen, dass es äußerst schwierig ist zu beurteilen was nun alles bei der Verarbeitung eines Reizes mitspielt. Das ist schon bei einfachen Reaktionen des täglichen Lebens so, da Persönlichkeitsentwicklung im Detail nachvollziehen zu wollen ist schier unmöglich, es sind einfach zu viele Variable im Spiel. Dass da der Anschein der Zufälligkeit entsteht ist nicht schwer nachzuvollziehen. Man kann sich das wohl so ähnlich wie bei einem guten Algorithmus für Zufallsgenerator vorstellen. Der Laie wird kein Muster erkennen können und die produzierten Ergebnisse werden für ihn absolut zufällig erscheinen. Trotzdem ist der Generator vorhersagbar. Dass soll jetzt nicht bedeuten, dass ich denke es gibt sowas wie eine mathematische Formel für Persönlichkeit, zumindest keine "sinnvolle", soll heißen lösbare/anwendbare. Es sind einfach zu viele Parameter im Spiel, die noch dazu dynamisch verknüpft sind... Also kurz gesagt, es gibt sicher den Faktor Zufall, aber er spielt eine untergeordnete Rolle im Sinne von spontanen Erinnerungs-/Persönlichkeitsveränderungen. Ein recht anschauliches Beispiel sind kleine Entscheidungen, die wir "zufällig", ohne Nachdenken treffen, wie zum Beispiel "welches Kästchen nehme ich im Schwimmbad?" Bevor uns überhaupt der Ansatz Entscheidung bewusst wird gibts mal ne Menge Gehirnaktivität, die absolut unterbewusst abläuft. Da spielen wahrscheinlich solche Faktoren mit wie Geruchseindrücke der Umgebung, Lage im Raum, wie besetzt sind die Kästchen in der unmittelbaren Umgebung... Dinge, die an ein archaisches Bewusstsein in uns appellieren, dass uns eine Entscheidung einflüstert, ohne dass wir es mitbekommen. Gleiches gilt wohl für alle Arten von Auswahlverfahren und als Wirtschaftsstudent sind dir im Bereich Werbung und Verkauf sicher solche Entscheidungsprozesse untergekommen. Die Phänomenologie spricht also eher gegen den Zufall, was auch in der Freiheitsdebatte gerade wieder für Aufruhr sorgen dürfte. "Die Persönlichkeit ändert sich parallel zur Erinnerung, jedoch ohne Steuerung und logische Filter"... Hmmmm was verstehst du unter Steuerung und logische Filter? Einen Prozess, den man erfassen, ausformulieren und anwenden kann? Sind Instinkte und archaische Prägungen logisch? Ich glaube ein großes Problem bei einer derartigen Debatte stellt die Begriffserklärung dar, wer versteht was unter diesem und jenem...
"...das Großhirn schwimmt nur auf der Oberfläche unseres Wahnsinns..." Das ist eine schöne Formulierung, gefällt mir :) Ich denke, dass unser Großhirn und unser zivilisatorisches Denken für mehr Wahnsinn zuständig ist als das worauf unser Großhirn schwimmt, nämlich dem Unterbewussten, den Instinkten, dem evolutionären Gedächtnis, wenn man diesen umstrittenen Begriff verwenden will. Das witzige ist ja, dass Wahnsinn ein ausschließliches Phänomen eines höher entwickelten Gehirns ist. Aber mir fällt gerade etwas bezüglich Zufall und Verhalten ein... Viele Verhaltensstrategien von Tieren in "verzwickten" Situationen, wie der Länge des Brautwebens, oder dem Schwarmverhalten gegenüber Räubern basiert auf dem Zufall, weil es am effektivsten ist (in Populationen gedacht). Einem gewichteten Zufall soweit ich mich erinnern kann, aber doch Zufall. Ob man das allerdings als Eigenschaft der Persönlichkeit werten kann bleibt zu diskutieren.
Allerdings glaube ich, dass diese Thematik eine prinzipielle Problematik aufweist und zwar die Methode der Betrachtung. Das Hirn mit sich selbst zu analysieren ist ein wenig wie die Katze, die sich in den Schwanz beißt. Es passieren so viele Prozesse unterbewusst, dass wir nie wissen können, ob wir alles erfassen, ob unsere Erkenntnisse/Theorien, gültig sein können. Das spielt zwar hauptsächlich in den Bereich von Seele, Gehirn, oder beides..., stellt aber hier sicher auch ein großes Hindernis dar.

Aber nehmen wir einmal an, alles was ich geschrieben habe ist Blödsinn, so wäre von einer Relativierung der Persönlichkeit wohl trotzdem keine Rede, denn unsere Persönlichkeit ist nun einmal unser Ich und zwar das Ich, das wir jetzt, in dem Moment sind, denn das ist das einzige Ich, von dem wir mit Sicherheit sagen können, dass es real ist. Vor allem wenn wir davon ausgehen, dass unsere Erinnerung zufälligen Verwerfungen ausgesetzt ist, so ist die Erinnerung an ein anderes Ich unzuverlässig und es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder wir sagen unsere Persönlichkeit ist die Momentane, denn über andere können wir keine Aussagen machen, oder es existiert keine Persönlichkeit. Somit stellt sich das Problem einer Relativierung gar nicht. Die Persönlichkeit ist was sie ist, nämlich wir im Hier und Jetzt.
Das mit der Realität und der Welt um uns herum ist schon von Haus aus eine verzwickte Sache, ich glaube da macht ein bisschen Zufall, der in unseren Erinnerungen wütet nur mehr wenig Unterschied.

Und: ist es eigentlich wichtig wer ich bin?

1:48:00 AM  

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